Hexenküche: Die Rezeptsammlung zur alternativen Herstellung von Alltagsprodukten.

 

Herstellung von Bromsilbergelatine-Photoplatten

Carsten hat dieses über 100 Jahre alte Verfahren neu entdeckt.

 

Carsten hat dieses Photo mit einer 13x18cm-Holzkamera auf eine selbstgemachte Bromsilbergelatineplatte geschossen. Der Abzug auf Barytpapier wurde anschließend mit einem Sepiatoner getont.

 

(Mausclick um Bild zu vergrößern)

 

Wer noch eine uralte Plattenkamera für Glasplatten besitzt, kann sie mit diesem Rezept reaktivieren und die unvergleichliche Magie der Bilder des 19. Jahrhunderts wiedererwecken, die die Ergebnisse jeder neuen "Digitalknipse" alt aussehen lässt ;-)

Neben der Möglichkeit, fertige Flüssig-Emulsionen, wie z.B. "Tetenal Work Photographic Emulsion" zu verwenden, ist es natürlich viel interessanter und stilechter, sich die Bromsilber-Emulsion selbst anzufertigen.

Hier das Rezept aus dem Buch "Die Bromsilber-Gelatine. Ihre Bereitung und Anwendung", das Dr. Paul F. Liesegang 1893 herausgebracht hat, und das auch die Basis der von mir verwendeten Emulsionen ist. Anmerkungen von mir sind in Klammern gesetzt, z.B. wo alte Werkzeuge und Prozesse durch neue, praktischere ersetzt worden sind.

 

Herstellung der Emulsion

10 g weiche Gelatine
55 g harte Gelatine
35 g Kaliumbromid
1 g Kaliumjodid
50 g Silbernitrat

(Für geringere Mengen Emulsion muss man die Mischungsverhältnisse entsprechend umrechnen)

Man löst in 200 ccm kaltem Wasser das Bromkalium (Kaliumbromid) und das Jodkalium (Kaliumjodid), schüttelt, bis die Salze gelöst sind und filtriert die Lösung in einen Glaskolben von 1 Liter Inhalt (Filtrieren ist heute bei den hochreinen Chemikalien nicht mehr zwingend notwendig) wonach man die weiche Gelatine hinzugibt (ich benutze für beide Ansätze dieselbe Dr. Oetker-Gelatine, die Unterteilung "harte" und "weiche" Gelatine bezieht sich nur auf den Schmelzpunkt). In ein Becherglas gibt man 200 ccm Wasser und das Silbernitrat, in ein anderes 450 ccm Wasser und die harte Gelatine.
Nachdem die Gelatine 1 Stunde im kalten Wasser gelegen hat, setzt man die Flasche in ein Gefäß mit warmen Wasser von 35°C und befördert die Lösung durch Umrühren und Schütteln. Von nun ab müssen alle weiteren Operationen im Dunkelzimmer (bei Rotlicht) stattfinden. Man gießt die auf 30°C erwärmte Silbernitratlösung langsam in das Kochgefäß und schüttelt letzteres währenddem öfters heftig um (ich rühre in einem dunklen Porzellankaffepott mit einem breiten Rührstab).
Durch den Zusatz des Silbernitrats ist die Lösung nun milchigweiß geworden, indem sich fein verteiltes Bromsilber gebildet hat. In der Durchsicht ist die Emulsion roth (rot). Die Emulsion ist in diesem Zustand sehr wenig empfindlich, ihre höchste Empfindlichkeit erhält sie durch Kochen.
Das Kochgefäß wird zu diesem Zweck in siedendes Wasser gestellt und von Zehn zu Zehn Minuten heftig geschüttelt (ich rühre wieder fleißig mit meinem Plastikmixer :-), damit sich das Bromsilber nicht ausscheidet. Die Zeit der Einwirkung des siedenden Wassers richtet sich nach der Empfindlichkeit... ob dieselbe lange genug fortgesetzt wurde, lässt sich erkennen, wenn man einige Tropfen der Emulsion auf eine Glasplatte tropft und diese bei Licht betrachtet. Anfang ist die Schicht in der Durchsicht roth, bei weiterem Erhitzen verliert sich diese Färbung und, wenn bei nochmaligem Versuch eine Schicht erzielt wird, die grünlichblau erscheint, hört man auf. Wenn das Kochgefäß mit Emulsion fast vollständig gefüllt ist, braucht man weniger zu kochen, als wenn es nur zum Theil gefüllt ist.... (Im Buch werden spiritusbetriebene Kochgeräte beschrieben. Ich nehme eine portable Herdplatte, darauf ein alter Kochtopf, und darin der dunkle Kaffeepott mit der Emulsion. Vorteil: Ich kann die kleine Herdplatte in der Dunkelkammer aufbauen und brauche kein 100%ig lichtdichtes Kochgefäss, um in der heimischen Küche zu arbeiten)

...Es wird nun das zweite Becherglas mit der harten Gelatine erwärmt und sobald sich die Gelatine gelöst hat, was man durch Rühren mit dem Glasstab fördert, gießt man den Inhalt zu der Emulsion in die Flasche und schüttelt letztere. Um die Emulsion vom löslichen, salpetersaurem Kali zu befreien, welches sich beim Ausscheiden der Bromsilbergelatine gebildet hat, wäscht man sie mit kaltem Wasser aus.
Man gießt sie in eine ziemlich große und gut gereinigte Porzellanschale (ich nehme eine Kompottschale aus Glas) mit ebenen Boden und lässt sie einige Stunden ruhig stehen, damit sie erstarrt. Kälte und Luftzug befördern das Erstarren. Sobald sie fest geworden ist, zerteilt man sie mit einem Glasstab (ich nehme eine Plastikgabel) in kleine Stücke und wirft sie auf ein Stück Stramin (ich habe mir dafür einen Aquariumkescher umgebaut)... nachdem man die 4 Enden zusammengefasst hat, bringt man den Beutel in ein Gefäß mit kaltem Wasser und presst durch die Maschen die gallertartige Emulsion ins Wasser... Diese "Nudeln" werden nun gewaschen, das Waschwasser öfters gewechselt und danach läßt man die Emulsion trocknen. (Wichtig ist, daß die verwendeten Gefäße und Rührstäbe nur aus Silber, Porzellan, Glas oder Kunststoff sein dürfen, da die Emulsion mit anderen Metallen reagiert und unbrauchbar werden kann).
Ehe man die Emulsion schmilzt, muss sie ziemlich wasserfrei sein. Das lässt sich leichter erreichen, wenn man nach dem Abtropfen ein wenig Weingeist (Spiritus) darüber gießt, den man abtropfen lässt. Die gut gewaschene Emulsion wird nun in ein Porzellangefäß gebracht, das man auf kochendes Wasser stellt, bis die Masse geschmolzen ist. Sie kann bis 45°C oder 50°C erwärmt werden (ich erwärme sie immer im Mantelbad meines "JOBO CPE"-Colorprocessors auf ca. 45°C, das reicht immer).

Soweit der Auschnitt aus Liesegangs Werk von 1893. Dann folgt in Liesegangs Buch noch ein Teil über das Filtrieren der Emulsion, das aber bei den heutigen hochreinen Chemikalien ein überflüssiger Arbeitsgang geworden ist.

Das Aufbringen der Emulsion auf die Glasplatten

Damit die Emulsion auf der Glasplatte besser hält, muss man die vorher mit Spiritus reinigen und dann vielleicht noch einen "Unterguss" aus dünner Gelatinelösung aufbringen, diesen ca. 1-2 Tage hart werden lassen und dann erst die Emulsion auftragen. Dann ist die Gefahr, das sich das Bild beim Entwickeln/Wässern löst, so gut wie gebannt.

Die Emulsion kann dann auf die Platten gebracht werden. Entweder durch Kippen und Schwenken, oder verteilen mit einem feinen, weichen Pinsel. Ich lege die Platten immer auf eine mit einer Wasserwaage genau eben ausgerichtete Warmhalteplatte für Speisen und erwärme sie auf ca. 30°C, damit die Emulsion nicht gleich erstarrt sondern sich noch gut verteilen lässt. Als Platten nehme ich die Glasplatten aus den sog. "Rahmenlosen Bilderträgern". Unbedingt auf Maßhaltigkeit achten (müssen in die Plattenkassetten passen) und kein Antireflex-Glas nehmen.
Trocknen müssen die Platten natürlich waagerecht liegend in Dunkelheit für ca. 8-24 Stunden.
Ich habe eine selbstgebaute Trockenkiste, die lichtdichte Lüftungslöcher hat. Gebaut habe ich die Kiste aus einer Aluminiumbox. Die Lüftungen bestehen aus zwei- bis dreimal gewinkelten Installationsrohren von ca. 5 cm Durchmesser. Eines führt unten in der Box Luft zu, das andere im Deckel die feuchte Luft ab. Auf eines der Lüftungsrohre habe ich einen kleinen Lüfter, einen CPU-Cooler aus einem alten PC montiert. Diesen 12 V Lüfter kann ich mit einem alten Eisenbahntrafo stufenlos regeln. Die Platten trocknen mit dieser Methode viel schneller und gleichmässiger.
In der Box werden zehn Bretter mit Abstandshaltern (Abstand ca. 1,5 cm) befestigt, die mit jeweils 1 Stück 18x24, 2 Stück 13x18 oder 4 Stück 9x12-Platten waagerecht in der Trockenbox übereinandergestapelt werden. Dort sind die Platten nach 2-3 Tagen gut durchgetrocknet. Lagern kann man sie kühl und trocken in lichtdichten Packungen für ziemlich lange Zeit, ich habe schon welche über 8 Monate gelagert und sie waren immer noch gut.

Entwicklung und Fixierung der Photoplatten

Entwickeln kann man die Platten bei Rotlicht mit Papierentwickler, wie z.B. "Tetenal Eukobrom", Stoppbad ist ein einfaches Essigbad und fixiert wird bei mir mit "Tetenal Superfix" 1:3, dem ich den "Tetenal Härter Liquid" zusetze. Fixiert werden muss, bis das unbelichtete, weiße Bromsilber verschwunden ist. Danach kann das Weißlicht wieder eingeschaltet werden. Zur Härtung empfiehlt Liesegang in seinem Buch Alaun (40g Alaun auf 1 Liter Wasser, darin die Platte für 10 Min. nach der Fixage baden und gut abspülen).
Gewässert wird ca. 40 Min. bei fließendem Wasser von ca. 20°C. Danach stellt man die Platten auf ein Stück Küchentuch schräg an die Wand und lässt sie trocknen.

Ergänzende Hinweise

Die Empfindlichkeit liegt bei ca. 2-6 ASA, so daß nur Stativaufnahmen möglich sind. Die genauen Zeiten sollte man für jeden neuen Emulsionsansatz durch Probeaufnahmen (Probestreifen mit dem Schieber der Plattenkassette machen) ermitteln. Frisch angesetzte Emulsion ist etwas unempfindlicher, daher ruhig 1-2 Wochen bis zum Test warten, dann ist die Emulsion "durchgereift" und verändert sich nicht mehr. Die Platten sind, im Gegensatz zu heutigen panchromatischen Schwarzweiss-Filmen vor allem für blaues Licht empfindlich, weniger für Gelb und Grün, und fast gar nicht für Rot. Übrigens der Hauptgrund, der die Magie alter Bilder ausmacht.
Misslungene Platten können mit Heisswasser und einem Plastikspachtel wieder von der Emulsion befreit und aufs neue beschichtet werden. Gelungene Platten können nun stilecht im "Albumin-Photopapier"-Verfahren auskopiert werden.
Im Buch von Dr. Liesegang findet man noch viele Tricks und Hinweise. Ich habe ja sozusagen nur die "gekürzte Version" wiedergegeben. In einem Fall aber muss ich Liesegang entschieden widersprechen: Er empfiehlt, die warme Emulsion auf möglichst kühle Platten aufzutragen, was bei mir bisher aber immer zur Folge hatte, daß die Emulsion zu erstarren anfängt, bevor ich sie auf der Platte verteilen kann und ein ungleichmäßiger, ja klumpiger Auftrag entsteht. Daher wärme ich immer vor, und schiebe dann die fertig beschichtete Platte möglichst waagerecht und schnell auf die eben austarierte Holzplatten, die ich dann übereinandergestapelt in die Trockenbox senke, wo ich sie dann komplett erstarren lasse. Im Buch ist später bei der Vorstellung der Plattenbeschichtungsmaschine der Fa. Marion aber auch von "vorgewärmten Platten" die Rede. Das halte auch ich für die bessere Idee.

E-Mail an Carsten

Das Buch "Die Bromsilber-Gelatine" von Dr. Paul E. Liesegang aus dem Jahre 1889 liegt im User-Bereich der Hexenküche als PDF-Datei zum Download bereit.  

 

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Kommentare

Herstellung von Bromsilbergelatine-Photoplatten

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photoplatten

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Vielen Dank für die Beschreibung,
ich werds erstmal mit Tetenal probieren ,meine 10x15cm Kamera zu
aktivieren , aber ich bewundere alle , die z.B. vor 130 Jahren schon
mit diesen Mitteln durch Indien und Amerika zogen und die Welt erforschten...

Grüße , BAY

super!

5

nach einer solchen Beschreibung habe ich seit Tagen gesucht, weil auch ich versuchen möchte, diese alte Technik wiederzubeleben!!!